11.12.10

Ce qui reste

Die italienische Küche scheint auf zwei Postulaten aufzubauen:
1) alles so klein schneiden, wie nur geht. (und gleichmässig!!! Wie mir Andrea mit erhobenem Zeigefinger wiederholt eindringlich sagt)
2) alles laaaaaaaaange kochen. Eine Bolognese (ragù) kommt nicht unter sechs Stunden davon und auch die Béchamelsauce muss mindestens zwei Stunden lang köcheln. (Impertinentes Infragestellen von blasphemischen Schweizerlein wird grundsätzlich ignoriert).
Achso, ich vergass noch das wichtigste aller Postulate
0) Es wird gemacht, was Andrea sagt, denn er hat immer, IMMER recht. (Sehen wir mal grosszügig darüber hinweg, dass seine (stundenlang gekochte) Polenta eher einer Maissuppe als einer Polenta ähnelte.) Und das Différentiellchen hat die Klappe zu halten und ansonsten die Befehle des Küchenchefs wortgetreu auszuführen, es sei denn, es möchte ihn beleidigen. Auch Belehrungen sind ohne Wimpernzucken über sich ergehen zu lassen, gerade wenn sie sich gegen "Schweizer, Franzosen und andere Barbaren" richten - auch wenn das Différentiellchen eigentlich (ausnahmsweise) derselben Meinung wie Andrea wäre. Da er das Trentino als seine Heimat schimpft, sieht er sich auch bemüssigt, das Différentiellchen bei ihrem Deutsch zu helfen: "Knödel" wird nicht akzeptiert, das heisse "canederli" und damit basta. Dass Andrea mit der Ausnahme von "Speck" und dem allgegenwärtigen "Scheisse"* kein einziges Wort der Sprache Goethe beherrscht, vernachlässigen wir mal.
Aber egal, das Différentiellchen schweigt und schnippelt. Und es lernt, was ein Primo und ein Secondo ist. Merkt, dass "Pizza" in Italien nicht dasselbe wie in der Schweiz ist. Auch wenn italienische Italiener eine italienische Ristorante in der Schweiz führen, so ähneln die dort servierten Pizze nur annäherungsweise dem, was sie unter der Anleitung von Andrea produziert. Dünn gewallter Hefeteig, das ja. Tomatensauce, ja, manchmal (Ich muss mir dringend einen Mixer anschaffen.) Aber auch mit Zwiebeln und dünnen Tomatenscheiben belegte Fladen werden als Pizza geführt. (Mein Weltbild bröselt so langsam in sich zusammen.) Der Mozzarella muss jedoch fein geschnitten werden (seufz) und erst nach dem Backen langsam auf der ofenheissen Pizza zergehen.
Laura kommt vorbei und bringt getrocknete Fischeier (oder was auch immer das war, genau hab ich es nicht verstanden), die dann mit viel Olivenöl und Knoblauch die Sauce für Spaghetti nach Sardinischer Art ergeben. (Und den Diskussionen zu Tisch war zu entnehmen, dass ich froh sein musste, dass auch Laura die grosse Spezialität der Region nicht mitgenommen hat: Käse mit lebenden Würmern.)
Ich kriege einen Crashkurs in italienischer Kulinarik, merke, dass man verdammt aufpassen muss mit jeglicher Kritik, da das gleich als Beleidigung der Kultur interpretiert wird und lerne, dass die Küche mindestens so vielfältig und separiert ist wie die Dialektlandschaft.
Zu Allerheiligen gibt es die Knochen der Verstorbenen mit viel Nelkenpulver und als die grosse Kälte ausbricht, entwickeln sich Risottos zum Hit.
Doch irgendwann reicht es mir, die Belehrungen und Korrekturen werden zu viel, ich koche mich einmal quer durch der Vorratsschrank und kippe die Sauce an die Pasta, von der ICH finde, dass sie dazu passt.
Andrea lobt die Sauce sehr und fragt nicht nur interessiert nach den Zutaten, sondern auch, wie lange ich das alles habe köcheln lassen.
"Lang genug" sage ich-
und meine:
zwanzig Minuten.






*Egal, aus welchem Land die Leute kommen und welche Sprachen sie sprechen - sobald man sich als Deutsch-Muttersprachler offenbart, wird man mit obgenanntem Wort konfrontiert.

3 fois derivable:

Víctor a dit…

Käse mit lebenden Würmern????? mein Gott, hatte dass nie gehört..

Mlle Différentielle a dit…

Nun ja, es scheint sich denn auch eher um einen Käse zu handeln, der auch von den Einheimischen kaum noch konsumiert wird und nur noch als Abschreckungsmassnahme dient. (Mutproben für potentielle Schwiegertöchter und so.)

Víctor a dit…

Genau.. :-DD